Musik an der Johanneskirche in Heidelberg-Neuenheim
  aktuell Termine Rückblick Projekte Anreise Gemeinde Kontakt Benutzungsbedingungen Impressum Datenschutz

Orgelmusik online

150. Geburtstag von Louis Vierne



  Start    Lautärke    Beenden





Symbolerklärung:
  Start      Lautärke      beenden


Liebe Musikfreunde,

In diesem Jahr 2020  feiern wir Louis Viernes 150. Geburtstag. 
Lange war er Organist an Notre Dame in Paris, Frankreichs Nationalkirche, die uns in schmerzlicher Erinnerung ist seit dem Brand im letzten Jahr. Bei unserer Paris-Chorfahrt durfte ich meine Liebe zur frz. Kultur insbesondere der Orgelkultur weitergeben. 
Vierne hat sein Orgelstudium unter nahezu vollkommener Erblindung absolviert. .
Er wurde 1892 , also 23-jährig in Saint-Sulpice/Paris Assistent von Charles-Marie Widor, seinem Lehrer.  Cesar Franck und Widor waren entscheidend für die Laufbahn Viernes, wohlwollend lenkend, motivierend. 
1896 übernahm Alexandre Guilmant die Orgelklasse Widors am Pariser Konservatoire- und Vierne als Assistenten beziehungsweise Repetitor. Der Einfluss Guilmants blieb allerdings begrenzt. Vierne hat ihm seine erste Orgelsinfonie gewidmet, die dieser nicht nur in Paris, sondern auch bei einer Konzertreise in Nordamerika aufführte. 
Ein Charakterzug Viernes war Hartnäckigkeit. Trotz aller Körperbehinderung trieb ihn der Ehrgeiz an. 

Nach einer zweiten Lebenshälfte voller privater Schicksalsschläge, voller gesundheitlicher Probleme und Kämpfe um seine geliebte Orgel in Notre- Dame, war tragisch: Er, dessen Wunsch es seit langem gewesen war, am Orgelspieltisch zu sterben, er, der für sein 1750. Orgelkonzert am 2. Juni 1937 aufgrund kirchenpolitischer Widerstände das letzte Mal herannahen sah, er starb eben an jenem 2. Juni 1937 an der Orgel von Notre-Dame: Herzembolie. 
In der Kathedrale fand auch die Trauerfeier für Vierne statt. Doch dabei schwieg die Orgel. 

Dass für Vierne Orgelmusik nicht bloß Beiwerk innerhalb der Messe war, drückt er in seinen Erinnerungen folgendermaßen aus: 
„Als ich in Notre-Dame begann, wünschte ich sehr, dass der Brauch eingeführt werde, die Große Orgel in stillen Messen mitwirken zu lassen, wie dies in zahlreichen Pfarreien in Paris und der Provinz der Fall war. Es schien mir, dass die Kunst der Kirchenorgel die gleichen Rechte habe, den Gläubigen dargeboten zu werden, wie das Kirchenfenster, die Skulpturen und die Architektur. Nach meinem Verständnis war diese Kunst eine Form des Gebets wie die anderen auch, ich kämpfte dafür, dies bis 1931 zu erreichen. Die Orgel ist nicht dazu da, die Gläubigen in der Kirche zu zerstreuen, sondern um ihnen beim Beten zu helfen…“

Wo Worte (in den Corona-Zeiten) fehlen,  bete ich also mit Viernes transzendenter Musik angefangen vom unaussprechlichem Seufzen im ersten Satz, die am Ende zu Gott aufsteigen zu scheinen (vgl. Bachmotette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“) über eine strenge Fuge, meditative Herzensmelodien in der Pastorale, neuen, aus dem eigenen herausreißenden neuen Impulsen, tröstenden Pianoklängen bis hin zum zuversichtlichen „pfingstlichen, ökumenischen Feuer“ im Final. Gott ist mitten unter uns!

Danke, liebe katholische Stadtgemeinde für die Möglichkeit, dass ich diese Aufnahme in der Jesuitenkirche an einer adäquaten Orgel machen durfte! 

Louis Vierne: Symphonie Nr. 1 d-Moll op. 14 (1899)

Gerade zu dem Zeitpunkt, als Widor sein sinfonisches Schaffen mit der Symphonie romane abschloss, begann Vierne mit der Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 14 seinen eigenen Weg.
Veröffentlicht im Jahre 1899, scheint er darin eine vierfache Referenz erbringen zu wollen: Erstens mit dem Satzpaar „Prélude“ und „Fugue“ an Johann Sebastian Bach, dessen Werke Widor auch unterrichtete: zweitens, anhand der Widmung, an Alexandre Guilmant, dem Nachfolger Widors als Leiter der Orgelklasse am Pariser Conservatoire und mit Vierne freundschaftlich verbunden; drittens an César Franck, dessen Geist das Prèlude durchweht; und viertens schließlich an Widor selbst, dessen Stellvertreter an St. Sulpice Vierne seit 1892 war und deren große Cavaillé-Coll-Orgel wohl Inspirationsquelle für das Erstlingswerk gewesen sein dürfte. 
Prèlude: das ruhig absteigende Glockenthema mit der anschließend aufsteigenden Chromatik ruht auf einer wellenartigen Bewegung der Begleitstimmen in Sexten. 
Fugue: Die streng ausgearbeitete Fugue, die einzige in Viernes Orgelwerk ist gleichermaßen ernst wie brillant. 
Pastorale: Die lyrische Pastorale exponiert einen Dialog zwischen Hautbois und Flute, gefolgt von einem Mittelteil auf der Voix humaine- eine singuläre Registrierung innerhalb der Sinfonien. 
Allegro vivace: das Allegro vivace gehört zur Familie der Improvisations-Scherzi: Schnell aufsteigende Sechzehntel, akzentuiert mit Akkorden, umrahmen einen A- Dur-Mittelteil, der einen ruhigen Kanon intoniert und quasi das Trio vertritt. Das Andante beschreibt Vierne selbst als „Lied ohne Worte“: Eine träumerisch lang ausgedehnte Melodie, unterbrochen von rezitativischen Einwürfen, ist beispielhaft für Viernes Lyrik. 

Final: Das Final dürfte wohl mit Abstand am häufigsten gespielte Werk Viernes sein. Er selbst bezeichnete es als „meine Marseillaise“. Unter glockenartigen Akkordbrechungen in den Manualen erklingt ein triumphales Bassthema. 

Übrigens spielte Charles-Marie Widor Sätze aus der Sinfonie bei Viernes Hochzeit!
  

Kantorat an der Johanneskirche, Lutherstraße 67, D-69123 Heidelberg-Neuenheim