Musik an der Johanneskirche in Heidelberg-Neuenheim
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Orgelmusik online

Aus tiefer Not schrei ich zu dir
 

 
 
Symbolerklärung:
 
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Aus tiefer Not schrei ich zu dir

EG 299

Psalmlied zu Psalm 130 von Martin Luther. (1523)

Johann Sebastian Bach verwendet seine Choralbearbeitungen BWV 686 und 687 im III. Teil
der Clavierübung (1739). In dieser Sammlung hat er Choralbearbeitungen, vor allem über die
Katechismuslieder, zusammengefasst „Zur Gemüths Ergezung“. Dieses Lied steht unter der
Rubrik „Beichte“.

Zu Bachs Zeit waren 5 Strophen bekannt

Die 1. Strophe lautet:

„Aus tiefer noth schrey ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein rufen,
dein gnädig ohr neig‘ her zu mir,
und meiner bitt sie öffen,
denn wo du willt das sehen an,
was sünd und unrecht ist gethan,
wer kann, Herr, für dir bleiben?“

Die Vergebung der Sünden ist bei Luther das Herzstück seiner Frömmigkeit: die Gnade.
Markus Jenny nennt die 2. Strophe die klassische „sola gratia-Strophe Luthers:

„Bey dir gilt nichts denn gnad und gunst,
die sünde zu vergeben.
Es ist doch unser thun umsonst,
auch in dem besten leben,
für dir niemand sich rühmen kan,
es muß dich fürchten jedermann,
und deiner gnade leben.“

Die Bearbeitung BWV 686 von J. S. Bach ist 6-stimmig; Sie ist die einzige 6-stimmige
Orgelkomposition Bachs und gehört zugleich zu der relativ kleinen Gruppe von Werken aus
der Orgelliteratur mit Doppelpedal. In der oberen Pedalstimme (rechter Fuß) liegt der c.f.
(Melodie) in langen Notenwerten.
Diese Komposition gilt als Musterbeispiel für den contrapunctus floridus, stile antico.
In Samuel Scheidts Tabulatura Nova (1624) befinden sich auch zwei 6-stimmige
Orgelmotetten mit Doppelpedal.

Bachs Bearbeitung wird auch als „the glory oft he Clavierübung“ (Taylor) bezeichnet.
Albert Schweitzer schreibt:“ Gegen Schluss des gewaltigen fugierten Chorals…tritt der
Freudenrhythmus (figura cortis: bei Bach= Gottvertrauen) auf und setzt sich zuletzt sieghaft
durch. Der Text gibt scheinbar keinen Anlass dazu. Da aber Bach in diesem Choral das
lutherische Dogma von der Buße darstellen will, nach dem jede wahre Buße an und für sich
zur freudigen Erlösungsgewissheit führt, hat das Freudenmotiv, das gegen diese düstere
Musik ankämpft und sich zuletzt durchsetzt, einen tiefen Sinn. Es vertritt denselben
Gedanken, dem auch die herrliche Dur-Kadenz dient. 

Hermann Keller spricht nicht vom Freuden-, sondern vom Festigkeitsrhythmus.
Die Antithese „Sünde-Gnade“ klingt mit. In der Kantate „Ich armer Mensch, ich
Sündenknecht“ (BWV 55), heißt es am Ende: „Ich verleugne nicht die Schuld, aber deine
Gnade und Huld ist viel größer als die Sünde, die ich stets bei mir befinde.“ Dieses Trostwort
scheint hier am Ende auch durchzuklingen. In der 5. Strophe des Liedes heißt es: „Ob bei uns
ist der Sünden viel, bei Gott ist vielmehr Gnade.“

Ein Schrei aus der tiefer Not ist uns von Johann Sebastian Bach kunstvoll im 6-stimmigen,
gewaltigen organo pleno (Alle Register erklingen) überliefert und soll uns wachrütteln oder
mitschreien lassen mit allen „Zungen“ (= Register der Orgel) und Kreaturen.

Kantorat an der Johanneskirche, Lutherstraße 67, D-69123 Heidelberg-Neuenheim